Donnerstag, 19. November 2009

Mein Buch mein Krebs heisst Leben


Eins
Nicht so schön
„Das Ergebnis ist leider nicht so schön“, verzieht die Ärztin das Gesicht, „es wird zwar noch einen Befund geben, aber dieser erste stimmt meistens.“
Wieso bloß gibt es dann zwei bzw. warum warten die den zweiten Befund nicht ab, bevor die mich verrückt machen? Ich bin seltsam klar in diesem Moment, in dem ich auf einem HNO-Behandlungsstuhl in einer Minikabine sitze, in der HNO-Abteilung eines Krankenhauses, in dem ich vor kurzem operiert wurde.
Rechts von mir liegen allerhand Ohren-Instrumente, links an der Wand hängt ein Kinderbuchbild, Aachen bei Belgien steht darauf.
Hä? Achso, es soll ein Reisebüro darstellen. Wohin wird meine Reise gehen?
Die Ärztin ist verschwunden, um in der Stadtklinik in Baden-Baden anzurufen, damit ich dort möglichst schnell eine Computertomographie kriege und nicht wieder hierher nach Karlsruhe kommen muss. Sie erreicht niemanden, kommt zurück und ignoriert beharrlich meine Fragen nach den Heilungschancen, indem sie mich auffordert, das kleine Versicherungskärtchen für die Überweisung herauszusuchen. Ich zerre es aus dem Portemonnaie. Komisch, sonst finde ich in dieser Tasche nie etwas so schnell. Ich schaue wieder das seltsame Bild an, die Ärztin verschwindet erneut, eine andere schaut herein, sie sucht etwas und scheint mich nicht zu bemerken. Vielleicht bin ich unsichtbar?
Jetzt kommen die wirren Gedanken, aber das ist vielleicht auch normal, immerhin habe ich anscheinend Krebs.

Zwei Wochen haben sie mich warten lassen, zwei Wochen, obwohl man auf dem Fax der Klinik deutlich sehen kann, dass der Befund schon zehn Tage alt ist. Wie lange die wohl für den zweiten Befund brauchen?
Plötzlich bin ich wie in Watte gepackt, bekomme alles nur noch wie durch einen Schleier mit – die erste Ärztin erscheint wieder, reicht mir das Kärtchen sowie eine Überweisung und die Telefonnummer der Klinik, weil sie immer noch keinen erreicht hat.
Sie schweigt weiterhin, auch als ich frage: „Aber es ist doch heilbar?“
Sie zuckt mit den Schultern, öffnet eine Mappe – meine Akte – holt eine Faxkopie heraus und drückt sie mir in die Hand. Der Befund.
Dann streckt sie mir die Hand entgegen: „Alles Gute für Sie!“
Aha, ich soll also gehen. Gut, dann mache ich das.
Benommen laufe ich an anderen Patienten vorbei, an Ärzten, durch den Warteraum, das Foyer – ich bekomme von dem, was um mich herum los ist, gar nichts mit.
Draußen dauert es ewig, bis mein soeben eingeschaltetes Mobiltelefon Netzempfang hat. Dann wähle ich sofort die Nummer der Praxis meiner Hausärztin, heulend. Ich haue der armen Arzthelferin ein paar Worte um die Ohren, die Diagnose, die Bitte, einen Termin in der Stadtklinik zum CT zu machen. Als ich merke, dass ich völlig durcheinander und schon bis zur Bahnhaltestelle gelaufen bin – wie bin ich unfallfrei über die Straße gekommen?? – entschuldige ich mich, dass ich so viel auf einmal geredet habe.
Sie ist weiterhin ganz ruhig: „Wir rufen zurück!“
Kaum fünf Minuten später ist meine Hausärztin am Telefon. Ganz ruhig fragt sie nach dem genauen Befund, lässt ihn sich von mir mehrfach vorlesen, fragt: „Steht da wirklich Hodgkin? Oder steht dort Non-Hodgkin?“
„Da steht Hodgkin“, wiederhole ich, lese ihr zweimal vor, was da steht und weiß nicht weshalb, aber ich werde ruhiger, vor allem, als ich ihre Worte erfasse:
„Gut. Sie haben den besseren der beiden Krebse erwischt. Wenn nirgendwo sonst als im Hals etwas ist, haben Sie über 90% Heilungschance.“
Dann folgen noch ein paar organisatorische Sätze, sie wird sich um alles kümmern, dann beenden wir das Telefonat und ich putze mir erstmal die Nase.

Ich steige in die Straßenbahn und will heimfahren. Nein, Moment, ich wollte doch eigentlich Tine, eine Freundin besuchen. Tine, die ich ein halbes Jahr nicht mehr gesehen habe.
Na, tolles Timing. Ich mach´s aber trotzdem.
Auf der halbstündigen Fahrt schicke ich SMS an Freunde, weil ich null mit so einer Diagnose gerechnet habe und eher nebenbei von diesem Montag erzählt hatte.
Rückblick – drei Wochen zuvor glaubte nicht einmal der diensthabende Arzt daran, dass mir etwas fehlt:
„Ich operiere Sie nicht, ohne, dass mir Ihre Blutwerte vorliegen - Sie haben bestimmt nur eine Katzenhaarallergie!“
Der Arzt im Krankenhaus motzt mir ins Gesicht, seine Kollegin ist genauso sprachlos wie ich:
„Bitte? Glauben Sie, ich sitze hier mit meiner Überweisung und den Untersuchungsunterlagen nur zum Spaß, weil ich gerade Zeit hatte? Im Blut ist nichts zu sehen, hat mir meine Hausärztin gesagt, aber sie und mein HNO-Arzt meinten, eine OP sei notwendig, um zu schauen, ob die Lymphknoten befallen sind oder nicht!“
Ich bin müde, seit sechs Stunden zu Voruntersuchungen im Krankenhaus und habe auch Zimmer und somit Bett schon zugeteilt bekommen. Und nun will der Herr Doktor mich nicht operieren. Er lässt sich von niemandem umstimmen, meine Hausärztin hat die Praxis bereits geschlossen und somit packe ich unverrichteter Dinge meine Sachen wieder ein und fahre nach Hause. Da wird einem seit Wochen was von „Wir müssen etwas Bösartiges bloß ausschließen, es ist aber nur ein kurzer Routineeingriff“ erzählt, auf dem Ultraschallbild sehen zwei Ärztinnen vergrößerte Lymphknoten, im Blut ist nichts, ein HNO-Arzt tastet die vergrößerten Lymphknoten und dann will der diensthabende Arzt in der Klinik mich nicht operieren. Okay, wäre ich zu einer Nasen-Schönheits-OP gekommen wie die vielen anderen Patienten, dann wäre er vielleicht netter gewesen, aber so? Also einen Schnitt am Hals, um einen Lymphknoten zu entnehmen, nö, das macht er nicht. Auch nicht, als ich sage, dass ich weder eine Katze besitze noch Kontakt zu ihnen habe.
„Eine Operation bei Ihnen ist so unnötig wie ein drittes Nasenloch“, meint er abschließend zu mir.
Zuhause sitze ich dann da und denke Okay, wenn der mich heimschickt, dann ist wohl auch nichts. Ich geh da nicht wieder hin. Meine Hausärztin überredet mich aber am nächsten Tag, es doch zu tun.
Daran muss ich jetzt denken, während die Straßenbahn durchs Land tuckert.
Drittes Nasenloch, pah!
Ich bekomme Kraft-SMS und Anrufe und bei Tine angekommen trinke ich erstmal einen Schnaps. Das brennt! Die Wärme, die er auslöst, tut gut und passt zu der Ruhe, die ich ganz plötzlich in mir habe. Die Watte um mich herum löst sich langsam auf.


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