Freitag, 5. April 2019

Buchtipp: Ilka Bessin: Abgeschminkt - Das Leben ist schön, von einfach war nie die Rede

Ich lese zurzeit wirklich wieder viel. Aber dieses Buch hat mich besonders nachhaltig berührt und beschäftigt. Vielleicht, weil ich viele Parallelen gefunden habe. Andererseits war das klar - ich bekam 2007 selbst Hartz IV und musste über ihre Sprüche Tränen lachen, obwohl Comedy sonst nicht so mein Ding ist - und ich bin schon fast immer dick. Aber es gibt noch mehr Punkte, bei denen ich bejahend nickte oder laut lachte.

Ilka Bessins Art zu schreiben wirkt so nah, so, als ob eine Freundin mir etwas erzählt. Sie scheint nichts auszulassen und ist zudem wahnsinnig selbtskritisch.
Sie berichtet von Höhenflügen und Abstürzen, von Freundschaften, die zerbrechen oder bleiben und von Familie. Von zuwenig und dann zuviel Arbeit, von ihrem ganzen Leben eben.

Einer meiner Lieblingssätze: "Ganz sicher dachten einige: Was ist denn das für ein Scheiß, da steht der dicke Obelix in einem pinkfarbenen Jogginganzug auf der Bühne und kriegt auch noch sechsmal den Deutschen Comedypreis" - ich würde ihn ihr noch hundertmal gönnen, aber umso toller, dass sie sich nach Cindy neuen Aufgaben widmet. Dass sie ihre Stimme gegen Ungerechtigkeiten erhebt und einfach "da" ist anstatt erstmal zehn Jahre Urlaub zu machen. Ihre Kleidung finde ich wunderschön aber sie ist mir (trotz inzwischen Job) zu teuer, aber das macht nichts. ich freue mich jedesmal wenn ich sie in einer Sendung sehe und sie ihre Vielseitigkeit beweist. Wobei sie nichts beweisen muss, sie ist eine Persönlichkeit.

Klar wird sie nicht jeder mögen und manche sich fragen warum sie jetzt auch noch unbedingt ein Buch schreiben musste, aber ich kann Euch sagen, es ist es wert ist, gelesen zu werden. Es macht nachdenklich, es ist humorvoll, es geht ums Leben und das ist es was ich mag.
Ich könnte mir vorstellen, dass Leute, die eher skeptisch auf die pinke Frau reagierten, die abgeschminkte echte Ilka zu schätzen wissen.
Gut finde ich auch, dass sie generell kein Blatt vor den Mund nimmt. Der/die ein oder andere findet sich in ihren Zeilen sicher nicht voller Frohsinn wieder, aber warum  etwas weglassen, das andere (oder hoffentlich sie selbst) vielleicht zum Nachdenken bringt?

So traurig, dass Ilka Bessins Abgeschminkt-Tour nicht in meine Nähe kommt, aber ich lese dann halt immer mal wieder in ihrem Buch!

Mittwoch, 27. März 2019

Buchtipp: Britta Sabbag - Blackwood

Oh Blackwood! "Wie wunderschön ist dieses Buch", dachte ich, als ich es zum ersten Mal in Händen hielt - und da hatte ich noch nicht einmal einen Blick reingeworfen. Für mich zählen generell eigentlich die inneren Werte und ich merkte schnell: Blackwood ist innen und außen schön.
Der Buchumschlag ist fühlbar erhaben und auf den inneren Seiten ist Blackwood, der Ort, gezeichnet - zuerst als Zeichnung und dann mit Worten.

Autorin Britta Sabbag ist vielseitig - sie schreibt für die ganz Kleinen von Waschbären und Hummeln und für die etwas Größeren über Fritzi Klitschmüller. Die ganz Großen lesen über Pinguinwetter und Pandablues, aber auch Stolperherz für Jugendliche gefiel mir gut.

Zum Verschenken in allen Altersgruppen eignen sich also ihre Bücher mega. Zum Selberlesen auch.

Nun also Blackwood. Natürlich war ich gespannt.
Der Untertitel "Briefe an mich" und die Idee, Briefe von meinem zukünftigen Ich zu bekommen, mochte ich. Ich habe mit 16 einen Brief an mein erwachsenes Ich geschrieben. Warum also nicht umgekehrt?

"Lasst eure Träume der Kompass eures Lebens sein", begrüßt mich Britta Sabbag schon auf den ersten Seiten. Und hält mich fest, denn die Figuren, die sie zeichnet, sind jede für sich ein kleines oder auch größeres Wunder: Ge, Gesine, die in Blackwood nach dem Tod ihrer Mutter bei der Tante leben soll, Arian, der mit einem Chauffeur durch die Gegend fährt, die warmherzige Mimi, die so gut backen kann, dass einem beim Lesen das Wasser im Munde zusammenläuft und all die anderen, sie sind einfach GUT.
Es gibt auch Schattenseiten und Ge lebt sich zunächst nicht wirklich ein. Aber auch die Personen, die ihr das Leben schwermachen oder wenig darüber nachdenken, was sie bei anderen anrichten können, sind so gut beschrieben und zu Leben erweckt, dass man das Buch eigentlich nicht mehr weglegen möchte.

Schöne weise Stellen wie "Niemand weiß, wo eine Geschichte beginnt oder wo sie aufhört. Vielleicht gibt es auch nie ein Ende, und wir schreiben sie jeden Tag neu.." oder "Manchmal muss ein altes Gefühl verschwinden, damit ein neues seinen Platz findet, weißt du" lassen mich zustimmend nicken und lächeln. Auch die Briefe der großen Ge an die kleine Ge sind voll von solchen wärmenden Gedanken. Dass Ge auf ihren Bauch hören soll und erfährt: "ein Ort wird ein Zuhause, wenn man seinen eigenen Weg geht", können gleichzeitig Ratschläge auch für die jungen Leser sein.

Gegen Ende muss Ge überlegen, ob es ein Schicksal gibt oder ob sie es selbst in die Hand nehmen kann. Sie lernt sich zu behaupten und an sich zu glauben. Es ist kein leichter Weg, den Britta Sabbag ihrer Ge aufbürdet, aber eine solche besondere Geschichte aufzuschreiben ist reine Kunst.
Dieses Buch ist absolut empfehlenswert, auch für Erwachsene.








Sonntag, 20. Januar 2019

10 Years - 10 Jahre

Alle machen diese 10 Years Challenge - ich mach mit, wenn auch ein wenig geschummelt. Ich habe momentan ein so müdes Gesicht, dass das rechte Foto ein paar Monate alt ist. Und links ist 2008 entstanden, aber im Januar 2019 habe ich auch noch Glatze und Kopftuch getragen. Also - bittesehr :)

Seelenwärmer

Mit sowas kriegt man mich ja: Eine nette Schrift, schöne Worte - "Warmes Gefühl im Bauch", "Eine Portion Glück", "Seelenwärmer", Sahne-Mandel, Schoko, Vanille. Fehlt nur noch Caramel :)
Ich habe im Sonderangebot für 59 Cent den Beutel bzw die Tasse Dr. Oetkers neueste Idee erstanden und nicht wirklich viel erwartet, weil man den Beutel mit Wasser aufgießen soll und kräftig rühren. Nun ja, und was sag ich: Es ist großartig! Inzwischen hab ich den Dreh raus - lieber erst das kochende Wasser in den Becher und dann das Pulver verrühren anstatt umgekehrt wie auf der Packung beschrieben. Denn wenn das Pulver zuerst im Becher ist muss man viel mehr rühren und hat doch Klümpchen. Die schmecken zwar bei Sahne-Mandel etwas nach Babybrei, was ich mag, aber insgesamt will man ja nicht gleich das Gefühl haben, man sei im Fitnessstudio, nur weil man so kräftig rühren muss.
Wenn man nicht gerade einen Topf Pudding kochen möchte sondern eine kleine schöne Portion haben will, auch beispielsweise im Büro, dann ist der Seelenwärmer genau richtig.
Danke für diese süße Erfindung! (Nicht zu süß, wenn man mehr Wasser hineingibt, es erinnert dann sogar ein bisschen an die Eraclea Trinkschokoladen, hat aber erheblich weniger Kalorien)


Buchtipp: Debbie Johnson

Der deutsche Titel SCHLITTSCHUHGLÜCK UND MANDELDUFT ist dermaßen blöd, dass ich lieber nur auf Autorin Debbie Johnson hinweisen möchte. Der Originaltitel "Coming Home to the Comfort Food Cafe" trifft es viel genauer. Ich muss da eine ganze Menge überlesen haben, aber ich habe keine Schlittschuhe gefunden. Mandelduft lass ich noch durchgehen wegen des tollen Cafes.

Jetzt aber zu den Fakten: Ich habe lange nicht mehr ein so besonderes Buch gelesen. Und ich freue mich total, dass es Teil einer ganzen Reihe ist. Erschienen im Heyne-Verlag.

Kate und Zoe kennen sich seit der Schulzeit. Sie sind Freundinnen, Nachbarinnen und Familie - Zoe kümmert sich mit um Kates Tochter Martha, die durch einen One Night Stand entsteht.
Kate stirbt an Krebs, was zunächst ja nicht gerade mein Lieblingsthema ist. Aber der Umgang mit dem Sterben und die Beschreibung der Hinterbliebenen Zoe und Martha und all die anderen Personen, das ist schon was ganz ins Herz Gehendes. Diese Geschichte ist eine Umarmung für Menschen, die gerade jemand verloren haben. Aber auch durch diesen ganz besonderen Humor von Zoe, die Pubertät von Martha zu beschreiben oder auch die Menschen, die sie begleiten, wird es eine locker fluffige Geschichte mit Tiefgang. Wie ein Cupcake mit Füllung. Wie ein Tag am Meer. Wie - einfach lesen müssen.

Zoes Phase der Trauer, immer wieder nach hinten geschoben durch Marthas Trauer und Rebellion, wird so gut beschrieben, die Leute, denen sie in Budbury begegnen, möchte man selbst gern als Freunde haben und die bunte Wohnung gleich mit besitzen. Häuser, die besondere Namen tragen und Menschen mit ihren ganz eigenen Päckchen, die trifft man hier in diesem Buch.

Ich liebe es!


Ausmalpostkarten

Hallo meine Lieben,
heute habe ich einen etwas ungewöhnlichen Tipp für Euch: Ausmalpostkarten, mal nicht mit süßen Katzen oder Elfen, sondern mit bösen Worten oder Sätzen, erschienen im RIVA VERLAG.

Sie wurden mir geschenkt, nachdem ich aber schon diverse Male drumherum geschlichen war und sie mir einfach nicht gekauft hatte. Es gibt einfach Menschen im Leben, die wissen, ohne dass man je davon erzählt hat, was man braucht. Und dass so ein Kackmist auch ganz schöne Scheisse sein kann, seht Ihr hier:





Montag, 3. Dezember 2018

Nachwort, kein Nachruf (weil wir Bücher liebten und immer nur den Hunden nachgerufen haben)



Liebe Stef,
 zwischen diesen beiden Fotos hier liegen zwanzig Jahre. Dazwischen: noch mehr Fotos und die Geschichten, die unser Leben schrieb.
Ich erinnere mich, wie unsere Freundschaft als eine Art Roadtrip begann, wie Du mir die Welt zeigtest und wir laut Musik im Auto hörten – mit Radio oder CD-Wechsler im Kofferraum und Lieder raten. Manchmal war ich schneller als Du, die ersten zwei Sekunden eines Songs und ich hatte den Titel! Du sagtest auf meine Frage, Nein, Du lässt mich nicht gewinnen, warst so stolz auf mich und ich war darauf stolz, dass jemand stolz auf mich war. Wir sangen mit, ich schief, Du toll – auch abends am Lagerfeuer und noch viel später Du in der Band.

Dein erstes Mobiltelefon wohnte auch im Auto. Es war so groß wie eine Kühltasche. Den ersten Stereoanlagen - CD Brenner hattest Du. Du warst technisch immer ziemlich weit vorne, als wir zum Beispiel vor gefühlten hundert Jahren mal Sushi selber rollten, weil es in der Stadt nur ein einziges Restaurant mit Sushi gab, sah ich zum ersten Mal in meinem Leben einen Reiskocher.
In eurer Küche.
Wir hatten zuviel Fisch gekauft, luden spontan Nachbarn und Kollegen ein und am Ende mussten wir es noch an den Hund verfüttern, der fand´s super. Was haben wir Tränen gelacht!

Im Alltag konnten wir herrlich Gemüse schnippeln und dazu schweigen, wir kochten für viele Freunde oder auch nur den kleinen Kreis und redeten, lachten, waren nachdenklich – den ganzen Abend, bis in die Nacht. Du hast gerne eingeladen. Und mich zum Beispiel Chili kochen lassen. Wir haben Kartoffelchips selber gemacht oder Du meintest „Alla hopp, wir schmeißen schnell nen Salat zusammen!“.
Ich lernte bei Dir Thailändisch zu kochen. Sachen auszuprobieren, die man sonst nie gegessen hätte, aber im Kochbuch sah´s interessant aus. Du hast Pfefferminztee in eine Sauce geschmissen – Lieblingsessen!

Wenn wir uns länger nicht sahen, haben wir nachts allein den Sternenhimmel studiert um dann beim nächsten Mal der anderen ein neues Sternbild zu präsentieren.

Einmal hast du den halben Tag am Steuer gesessen, weil ich keinen Führerschein hatte und Du mir auf dem Weg zum Atlantik die Schlösser an der Loire zeigen wolltest. Du bist einen Umweg gefahren, damit ich nicht dumm sterbe.

Ein anderes Mal warst Du in eine Fernsehshow eingeladen, die Du im Gegensatz zu mir noch nie vorher gesehen hattest. Am Abend davor sollten wir uns alte Videoaufzeichnungen ansehen, damit Du eine Ahnung davon bekommst, was Dich am nächsten Tag erwartet. Du wurdest erst immer blasser und hast dann gesagt Augen zu und durch. Unser Tag bei der Mini-Playback-Show wurde ganz wundervoll!

Meinen Namen habe ich von Dir. Ich stellte mich Dir als „Jessy“ vor. Und wie kann man die Abkürzung eines Namens noch abkürzen? „Hey Jess, altes Haus!“ Irgendwann wurde ich dann für alle „die Jess“.

Als ich mega aufgeregt mit Dir reden wollte, um mein Coming-Out zu haben, hast Du erstmal riesige Erdbeerwindbeutel gekauft. Die vom Bäcker hier, die man wie einen Döner nicht unfallfrei essen kann. Wir saßen bei euch zuhause auf dem Sofa, hatten Sahne im Gesicht und ich stotterte rum, ich hätte gemerkt ich sei lesbisch. Und Du: „Und? Ist´s schön?“

Du schenktest gerne, warst großzügig. Als wir uns zuletzt trafen, wolltest Du mich wieder zum Essen einladen. Ich meinte, ich sei doch jetzt schon lange erwachsen, hätte einen Job und könne es selbst bezahlen. „Das ist kein Grund“, hast Du gebrummt.

Einmal besorgte ich für Dich ein beleuchtetes Neonschild der Brauerei Steffens, damit Du ein Steffi-Bier-Schild hast und ich mal was Cooles für Dich tun konnte. Du hattest aus Spaß mal gemeint, als ich aus Spaß so eine Flasche mitbrachte, Du bräuchtest so ein Schild. Ich habe es ernst genommen und von Bonn nach Kaiserslautern im Zug geschleppt. Und vorher den Brauereimitarbeiter dazu gebracht, es zu mir nach Hause zu fahren. In Zeiten ohne Internet, wohlbemerkt. Du wolltest dieses viel zu große Schild gar nicht, Deine Bemerkung war ja nur Spaß gewesen – aber Du hast mir das Gefühl gegeben, dass dies das beste Weihnachtsgeschenk ever gewesen ist.

Wenn Dir eine Ungerechtigkeit in die Quere kam, konntest Du sehr laut werden. Du hieltest aber auch für eine Oma an der Landstraße an, um ihr zum Altenheim einen Kilometer weiter zu helfen. (Die das gar nicht wollte, sie dachte sie spaziert da halt mal ungeachtet des Verkehrs lang)
Ich lernte von Dir Respekt gegenüber Älteren.

Dein Vertrauen in Menschen hat uns zwei oft beschäftigt: Du wolltest immer zuerst das Gute im Menschen sehen. Während ich misstrauisch erstmal jeden abscannte, meintest Du, man müsse Dir wohl erst mal beweisen, dass einer nicht gut sei! Was haben wir über Menschen geredet! Und uns Sachen erzählt, die über so einfachen Mädelskram hinausgingen.

Wir verloren uns eine Weile, aber wir fanden uns wieder.
Streiten habe ich von Dir gelernt, das konnten wir richtig gut. Weil wir uns versöhnen konnten.

Als wir einmal bei Regen und Sturm auf einem wackeligen Schiff in der Nordsee festsaßen, während der Süden des Landes bei 37 Grad schwitze, tauschten wir die Bücher, die wir dabei hatten, weil wir unsere eigenen alle ausgelesen hatten. Ich las Deine Thriller und Du meinen „Kitsch“, wie Du es bezeichnetest. Irgendwann schautest Du mit Tränen in den Augen auf: „Ich bringe dich um, wenn du mir nochmal was zu lesen gibst, in dem ein Hund stirbt!“

Deine Hunde! Zunächst ging ich ja nur Gassi mit ihnen. Ab und zu morgens im Wald mit Dir schweigend. Am frühen Abend dann aufgeweckt und übers Leben philosophierend. Oder ich alleine und die Hunde, während Du arbeiten warst. Später dann hatte ich Radja auch über Nacht – oder wir fuhren zusammen weg, ich bespaßte den Hund und Du drehtest in zugefrorenen Eisseen was übers Tauchen und machtest anderen verrückten Kram.
Abends saßen wir dann hundkraulend und lesend oder miteinander schweigend oder redend da.
Als Balu, die erste Hündin, starb, Valentinstag, saßen wir traurig zusammen mit anderen da und erzählten Musik hörend von ihr.
Da lernte ich von Dir, dass Reden und Erinnern tröstlich sein kann.

Es gibt da einen ganz großen beschissenen Haken in unserer Geschichte: Du kannst jetzt nicht schon fort sein! Ich kenne Dich doch schon länger als mein halbes Leben. Ich kann es nicht glauben, ich will es nicht glauben und doch bleiben mir jetzt neben selbstgebrannten CDs, Büchern, einem Kochtopf, Tellern, Fotos und anderen Dingen nur die Erinnerungen in meinem Herz an Dein großes Herz-
Danke für alles,

Deine Jess.